This Is The Real Life

Es fängt harmlos an. Mit einem Monat Urlaub in Thailand und einem Reiseführer von Lonely Planet. Kein Pauschalurlaub mehr. Das erste Mal auf eigene Faust ein Land erleben. Alleine, ohne vorher ein Hostel gebucht zu haben. Thailand macht es dir leicht. Thailand ist die Einstiegsdroge. Es ist schön, exotisch und unglaublich billig. Das Essen ist exzellent, die Menschen sind freundlich bis zum Erbrechen und die Landschaft atemberaubend schön. Thailand verfügt über eine geniale Backpacker-Infrarstruktur: komfortabel, sicher und trotzdem bleibt Raum für Abenteuer.
Das nächste Mal fährst du länger weg. Du willst nicht mehr nur Urlaub machen. Du willst reisen. Zwei oder drei Monate in den Semesterferien. Vielleicht in die Nachbarländer Kambodscha, Laos und Myanmar oder nach Mittelamerika. Vom Essen bekommst du öfter Durchfall und der Transport ist härter, die Hostels dreckiger. Dafür triffst du in Klapperbussen auch nicht mehr eine Krankenschwester aus Stuttgart, sondern einen Typ aus Kanada, der seit einem Jahr durch Südostasien tourt oder einen Esoterik-Freak aus Israel, der die ganze Zeit von Indien erzählt, wo er zwei Monate in einem Ashram Yoga gelernt hat. Du siehst Orte, deren Magie dich in ihren Bann zieht: Angkor Wat, Machu Picchu, den Lago Atitlan, die Maya-Pyramiden von Tulum oder die Tempel von Pagan.

Alles was daheim schwer ist, wird unterwegs leicht. Leute kennen lernen zum Beispiel. Du siehst jemand alleine mit einem Lonely Planet in der Hand und sprichst ihn an. Er freut sich. Er hält dich weder für schwul noch für irgendeinen Freak, der keine Freunde hat. Du tourst mit ihm die nächsten zwei Wochen durch ein Land, teilst mit ihm das Hotelzimmer, obwohl du zuhause schon einen Koller bekommst, wenn du länger als drei Stunden mit derselben Person in einem Raum bist. Dann tauscht ihr Email-Adressen aus. Vielleicht schreibst du ihm noch ein- oder zweimal, vielleicht auch nicht. Du hast ohnehin schon so viele Email-Adressen von irgendwelchen Menschen aus irgendwelchen Ländern, dass du längst den Überblick verloren hast.
Du triffst jeden Tag Menschen, deren Lebensentwürfe so komplett verschieden sind von allem, was du kennst. Typen, die ihr Geld mit drei Stunden Englisch-Unterrichten in Phnom Penh verdienen und den Rest des Tages meditieren. Barbesitzer aus Frankreich, die die eine Hälfte des Jahres arbeiten und die andere durch die Welt reisen. Menschen, die nicht mehr zurückwollen, deren Lebensinhalt die Flucht geworden ist. Sie alle sehen so glücklich aus. Deine Wertevorstellungen geraten ins Wanken. Alles was du brauchst, um glücklich zu sein, ist basiert auf dem Trinken und Essen. Wozu tausende von Euro verdienen, wenn man mit zehn Euro am Tag leben kann? Du hast eine der besten Zeiten deines Lebens. Du bist angefixt.

Nach drei Monaten kommst du zurück und stellst zu deinem Erstaunen fest, dass sich hier nichts verändert hat. Die Dinge, über die deine Freunde sprechen, sind dieselben wie vor drei Monaten. Aber sie erscheinen dir nichtig: Irgendjemand hat ein Praktikum bei irgendeinem Unternehmen, jemand ein besonders gutes Wochenende hinter sich oder ein Beziehungsproblem. Das kann es nicht sein. Du hast in drei Monaten soviel erlebt wie sonst in drei Jahren. Du willst mehr vom Leben.
Es lässt dich nicht mehr los. Du willst leben, nicht funktionieren. Du willst nach Indien, Nepal oder Kolumbien. Du willst reisen für ein Jahr oder sogar zwei. Noch einmal arbeitest du, sparst Geld, um noch länger wegzufahren. Du machst es. Du brichst alle Zelte ab, verkaufst deine Möbel und fährst los: Weltreise.

Irgendwann ist es egal, in welchem Land du gerade bist. Wichtig ist nur, dass dein Kopf frei ist, du nicht mehr an daheim denkst und wenn doch, dann nur mit einem Kopfschütteln. Dir wird immer klarer, dass bei uns daheim etwas schief läuft. Aus der Ferne siehst du Deutschland anders: es ist ein kaltes Land mit gestressten Menschen, die einen Tanz ums goldene Kalb aufführen. Die Angst regiert. Angst, seinen Job zu verlieren, Angst, keinen Job zu bekommen, Angst, alleine zu sein, Angst, zu wenig zu tun. Du bist in Ländern, in denen Menschen bettelarm sind und noch nie einen Computer gesehen haben. Sie alle sehen glücklicher aus als die Geschäftsmänner, Politiker und Praktikumsfetischisten. Du weißt: das ist naiv. Aber plötzlich verstehst du nicht mehr, was an Naivität falsch sein soll. Du erlebst Momente absoluten Glücks. Momente, in denen nichts anderes zählt als die Gegenwart. Momente, die erfüllt sind von der Schönheit der Natur und die der Menschen dieses Planeten. Sie sind das Realste, das du je in deinem Leben verspürt hast. Sie sind stärker als Argumente. Du beginnst, die Esoteriker zu verstehen.

Wenn du nach einer Zeit wieder zurückkommst, hast du das Verständnis für dein Land komplett verloren. Für die komplizierten, langwierigen politischen Prozesse, die Lügen der Staatsmänner, die Arroganz der Reichen, für die Notwendigkeiten von Studiengebühren, für Hartz IV und für das schlechte Wetter.
Und irgendwann ist es zu spät. Deine Ziele verändern sich komplett. Deine Freunde sind Fremde, dein Zuhause ist dein Van und dein Partner – das nagende Fernweh.

Gefunden bei Wilhelm Meister Blog